© Kunsthaus Bregenz, Antony Gormley, Foto: Markus Tretter
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Menschenbilder

Darstellungen des menschlichen Körpers zählen zu den ältesten  Kunstobjekten, die wir kennen. Zu allen Zeiten haben sich Künstler mit dem Thema beschäftigt, wobei die Aktfigur eine besondere Rolle spielt. Sie ist einerseits geeignet, den Körper zu idealisieren und mit Symbolkraft zu versehen. Andererseits verdeutlicht die Nacktheit die Vorstellung vom Menschen als Naturwesen, als Kreatur.

Wirklichkeitsgetreue Darstellungen von Menschen sind in der Kunst seit Mitte des 20. Jahrhunderts eher selten. Im Werk Antony Gormleys nehmen sie allerdings eine hervorragende Stellung ein. Von Beginn an verwendet er seinen eigenen Körper als Ausgangsmaterial für seine Plastiken. Wie schon häufiger ist es auch bei „Horizon Field“ ein vervielfältigter Abguss.
Andere Künstler, die diese Technik seit den 1960er Jahren verwendet haben, sind zum Beispiel Georg Segal (1924-2000) und Duane Hanson (1925-1996). Während Segal seine Gips-Environments in gleichmäßigem Weiß präsentierte und damit in der Umgebung isolierte, stattet Hanson seine Kunststoff-Figuren derart detailgetreu aus, dass BetrachterInnen nicht selten einem Täuschungseffekt erlagen und die Plastiken für lebendige Menschen hielten.

Verglichen mit diesen Strategien wird deutlich, dass es Gormley weder um Detailgenauigkeit noch um Idealisierung, sondern um Verallgemeinerung geht. Durch die Zurücknahme des gestischen und mimischen Ausdrucks und durch die Vervielfältigung versucht er, über das Einzelne, Konkrete hinauszukommen. Seine Körperform ist zwar naturgetreu und autobiographisch, doch soll sie den Menschen schlechthin, die Gattung repräsentieren. Sie soll eine Art Stellvertreter sein.
 
Diese Idee erinnert an die Geschichte von Hase und Igel: egal wo man hinkommt, es ist/war schon ein anderer Mensch da. Gormleys Verfahren kann als radikale Absage an die antagonistische Gegenüberstellung von Kultur und Natur gelesen werden, wie sie in den frühen Land-Art-Projekten noch aufscheint. Die physische Natur unseres Planeten ist anthropogen geformt und auch die Wahrnehmung natürlicher Gegebenheiten wird von wechselnden kulturellen Mustern bestimmt. Das gilt auch für den menschlichen Körper und das Bewusstsein vom Selbst, das in der Abgrenzung vom Gegenüber sich konstituiert. Gormleys Figuren als Abbilder ermöglichen klarer als die Begegnung mit lebendigen Menschen diese Sicht auf den Anderen.

Deutlich wird dies beispielsweise an der weitgehenden Selbstverständlichkeit, mit der Gormleys „Mann“ als Gattungsvertreter wahrgenommen werden kann. Die vermeintliche Identität von „Mann“ und „Mensch“ (im Englischen „man“ noch klarer) wird nicht hinterfragt. Auf die Problematik der Geschlechtszugehörigkeit seiner Figuren angesprochen, reagiert der Künstler eher kleinlaut, dass ihm die Problematik wohl bewusst sei und er sie soweit als möglich zu minimieren suche. Der Kultur-Natur der Geschlechterdifferenz kann der Künstler nicht entrinnen. Wie würde sich Gormleys Installation verändern, wenn er weibliche oder androgyne Figuren aufstellte?

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