Land-Art

Antony Gormley knüpft mit seiner Arbeit an die Praxis der Land-Art aus den 1960er Jahren an. Damals nutzten Künstler wie Walter de Maria (*1935) und Richard Long (*1945) erstmals die Landschaft fernab der Zivilisation als Arbeitsfeld. Sie bildete den stärksten Kontrast zum Studio, zum Ausstellungsraum der Galerie, zum urbanen Leben im allgemeinen, um die Beziehung von Mensch und (Um-)Welt zu reflektieren.

Landschaft

Für die Aufstellung von 100 lebensgroßen „Eisenmännern“ wählte Gormley eine Linie in 2039m Höhe. Er möchte nicht bis in die Gipfelregionen der Berge vordringen, die nach mystischen Vorstellungen als Sitz der Götter gelten. In unseren Breiten klingt dies durch Gipfelkreuze an. So bleibt er in einem „Zwischenraum“, der oberhalb von menschlicher Besiedelung liegt, aber doch noch gut zugänglich ist. Auch wenn der Künstler hervorhebt, dass dieser willkürlich definierte Ort keine spezielle Aussage für das Kunstwerk beinhaltet, ist er doch nicht ohne Bedeutung. Wo gelangen wir hin, wenn wir uns auf den Weg zu den Figuren machen?

Dieser Zwischenbereich wurde vom Menschen seit Jahrhunderten im Wechselspiel mit der Natur  geformt und gestaltet. Nach dem gängigen Modell der Stufengliederung der Alpen ereignet sich ungefähr in dieser Zone der klimatisch bedingte Übergang vom geschlossenen Wald zu den baumfreien Rasenflächen. Die natürliche und die tatsächliche Waldgrenze klaffen seit etwa 100 Jahren durch Rodung und Landwirtschaft um etwa 300m auseinander. Zweck dieser nicht unerheblichen Veränderungen war neben der Gewinnung von Holz die Ausbreitung der Alpwirtschaft, also ökonomische Optimierungen.

Weitere Entwicklungen prägen das Gelände der Installation. So hat der Alpentourismus und die damit verbundene, meist sportliche Nutzung der Berge zum Wandern, Bergsteigen, Skifahren inzwischen ebenfalls eine mehr als 150-jährige Geschichte. Insbesondere seit Mitte des vorigen Jahrhunderts nahm der Wintertourismus in den Bergregionen einen gewaltigen Aufschwung, einhergehend mit dem Ausbau von Pisten, Lift- und Seilbahnanlagen und weiterer Infrastruktur.

Wichtige Voraussetzung für den Erfolg des Alpentourismus im Sommer wie im Winter war eine signifikante Verschiebung in der Wahrnehmung der Gebirgslandschaft. Das was zuvor als unwirtliche gefährliche Wildnis betrachtet worden war, wandelte sich im romantischen Blick vom späten 18. Jahrhundert an zur erhabenen Bergwelt. Die Alpen wurden zum Sehnsuchtsraum der Städter oder zur Folie für Zivilisationskritik.

Antony Gormleys Arbeit nimmt auf solche Zusammenhänge nicht explizit Bezug, dennoch kann man sagen, dass er sein Kunstwerk in einer hoch modifizierten Kulturlandschaft ansiedelt. Das was den meisten von uns als unberührte Natur erscheint, ist mit viel Mühe erzeugtes Menschenwerk, eine kulturelle Leistung mit weit reichenden Auswirkungen. In ihrer jeweiligen Nutzung spiegeln sich soziale Verhältnisse und teils gegenläufige Interessen. Unsere Wahrnehmung und Bewertung dieser Umgebung erweist sich bis heute als mehr oder weniger stark geprägt von den extremen Polen eines Landschaftsmythos, der zwischen „Naturgewalt“ oder „Naturideal“ pendelt.

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